22 Juli 2011

MIU MIU "Muta" Clip oder: Die Surrealität des Modefilm


Miu Miu FW2011 Film "MUTA" by Lucrecia Martel from gabriel on Vimeo.


Der aktuelle Kampagnenfilm des Labels MIU MIU, erinnert mich daran, dass ich mich schon längst einmal genauer mit dem Thema des Modefilms befasst haben wollte. Hierbei sehen wir uns einem Medium gegenübergestellt, dass zunehmend Einfluss auf die Vermarktung innerhalb der Textilbranche erhält. 
Zugegeben bin ich noch weit davon entfernt, derart in die Materie eingearbeitet zu sein, dass ich mir ein allumfassendes Urteil erlauben möchte. Doch ein Aspekt fällt bereits nach dem Betrachten einer handvoll Beispielexemplare deutlich auf. Der Modefilm scheint – aus welchem Grund auch immer – einen Hang zu einer Art Ästhetik zu haben, die ich an dieser Stelle mit dem Begriff der "The-Ring-Ästhetik" benennen möchte. Neben dem oben benannten Beispiel verweise auf die von mir bereits thematisierten Clips von Tyrone LeBon, dem Kurzfilm von Karl Lagerfeld für Chanel oder auch diverser H&M Kampagnen, wie jene für Viktor und Rolf, Stella McCartney oder Lanvin. 
Was meint die "The-Ring-Ästhetik"? Um es einmal auf ein paar Details zuzuspitzen: Dazu nehme man den gesteigerten Einsatz von Stop-Motion Aufnahmetechnik, setze diesem Elemente der Zeitlupe entgegen, wähle ungewöhnliche Aufnahmewinkel, drehe die Sättigung der Farben in starkem Maße nach oben oder nach unten und hülle schließlich alles in eine Atmosphäre des Surrealen; oft mit Hang zu Dekonstruktion. Das Ergebnis ist eine oft verstörende Bildwelt, die in deutlichen Kontrast zu dem tritt, was sie eigentlich anpreisen soll. In meinen Augen eine gelungene Darstellung, die sich zweierlei begründen lässt: Mode, ein Phänomen, das oft unter dem Label des Oberflächlichen, Naiven und Schönen gehandelt wird, bricht hierbei ganz klar mit den ihm von außen auferlegten Dogmen. Indem Zerstörung, Hässlichkeit und das Abgründige zutage treten, verliert die Mode ihre Unschuld und offenbart eine Tiefgründigkeit, die sonst eher ausgeblendet wird. Intertextuelle Verweise wie zum Beispiel auf Kafkas Verwandlung – welche Annahme läge näher beim Motiv des verschwundenen Models gepaart mit dem zirpenden Geräusch von Insekten und später den passenden Bildern dazu – beweisen, dass Intellekt in einer Welt, die sich in erster Linie mit der Oberfläche befasst, nicht zwangsläufig ausgeklammert werden muss. Zum anderen, und das ist die zweite Begründungsvariante, stellt der vermeintliche Kontrast, die entstehende Irritation zwischen den Gegensatzpaaren am Ende genau das aus, was er bewirbt: nämlich die textilen Kreationen an sich. 
Mir persönlich gefällt dieses Spiel. Denn so sehr man selbst im ersten Moment kopfschüttelnd vor den bewegten Bildern sitzen mag, zeigt sich in ihnen ein scheinbar unerschöpfliches Potential an Kreativität. Auf Ebene des Modefilms mischen sich mindestens drei verschiedene Kunstformen und damit deren jeweils spezifischen Ästhetiken. Aus dem Experimentieren mit diesen Faktoren kann schließlich etwas Neues resultieren, etwas das neugierig macht auf das, was noch kommen mag.
Fest steht, dass Modefilme vor allem eines tun: sie grenzen sich von der Realität ab, blenden sie aus und schaffen eine Parallelwelt in der die Uhren anders ticken. Ähnlich dem uralten Credo der Bildkunst, dass Malerei, Fotografie und Film nicht zur reinen Nachahmung der Natur, zur Mimesis verkommen dürfen.
In diesem Sinne: Ein Moment surrealer Bildästhetik.